„Ich bin ein Mensch!“, ruft Bérenger, der meist etwas verkaterte Außenseiter, als er bemerkt, dass er allein zurückbleibt – umgeben von einer Horde von Nashörnern. Wie denken wir uns diesen Ruf? Kämpferisch oder verzweifelt, selbstbewusst oder resigniert? Mit dieser Frage haben sich die Teilnehmerinnen der Theater-AG der Mittel- und Oberstufe unter der Leitung von Monika Brandl, unterstützt von Luca Soschka, einem ehemaligen AG-Mitglied, bei ihrer Inszenierung von Eugène Ionescos Klassiker des absurden Theaters „Die Nashörner“ auseinandergesetzt. Und damit auch mit der Frage, wie viel Nashorn in jedem von uns steckt und wie sicher und solide das moralische Fundament ist, auf dem wir zu stehen glauben.

Nashörner 01Der erste Dickhäuter, der über den Dorfplatz galoppiert, wirbelt zwar viel Staub auf, lässt die Dorfbewohner aber schnell wieder zu ihren Alltagsgeschäften übergehen: Die Händlerin (Julia Maibach, K2) und der Händler (Milena Steinhard, K2) sorgen sich ums Geschäft, der Wirt (Celina König, K2) um die Arbeitsmoral seiner Kellnerin (Franka Alba, K2) der Logiker (Semra Lugonic, K2) um den Syllogismus und der alte Herr (Laura Karle, K2) um die Pfotenzahl von Katzen. Als wenig später aber eine Katze von einem zweiten – oder demselben? – Nashorn zertrampelt wird, ist die kollektive Empörung groß. Doch die Solidarität mit der verzweifelten Hausfrau und Katzenbesitzerin (Kaila Trunzer, 10b) weicht schnell dem voyeuristischen Interesse der Dorfbewohner am Streit zwischen Bérenger (Nergiz Yildiz, K2) und seinem Freund Jean (Sabine Hendreich, K2), der sich an der Frage entzündet, ob dies nun ein oder zwei, afrikanische oder asiatische Nashörner gewesen seien. Über diese Debatte, die der Logiker durch einen skurril-absurden Vortrag auf die Spitze treibt, wird die Gewalt und Gefährlichkeit des Nashorns fast vergessen.Nashörner 2

Auch der zweite Akt macht deutlich, dass in der Welt, die Ionesco uns zeigt, gern und viel geredet, wenig nachgedacht und noch weniger gehandelt wird. Im Büro wird der Vorfall auf dem Dorfplatz zwar aufgeregt und hochemotional diskutiert, doch als im Treppenhaus für alle sicht- und hörbar ein Nashorn röhrt, bleibt der besserwisserische Angestellte Botard (Franka Alba, K2) bei seinen Verschwörungstheorien, die reizende Sekretärin Daisy (Lena Strauß, K2) kümmert sich unbekümmert um Korrespondenz und Alarmierung der Feuerwehr, der gestrenge Büroleiter Papillon (Semra Lugonic, K2) sorgt sich vor allem um die verlorene Arbeitszeit und der aalglatte Jurist Dudard (Laura Karla, K2) um die Rechtssicherheit. Nur die „tapfere“ Mme Boeuf (Kaila Trunzer, 10b) handelt entschlossen, indem sie ihrem zum Nashorn verwandelten Mann die Treue hält und als „Amazone“ auf seinem Rücken davonreitet.

Mit der Verwandlung von Jean in ein Nashorn, eindrucksvoll und ausdrucksstark gespielt von Sabine Hendreich, wird aber offensichtlich, dass es sich hier nicht um ein paar harmlose Fälle von „Rhinozeritis“ handelt, sondern dass die Menschen in ihrer Verwandlung ihre Menschlichkeit verlieren und an die Stelle von Moral und humanistischen Werten das Recht der Stärke und die Macht der Gewalt setzen. Doch außer Bérenger, feinfühlig und differenziert verkörpert von Nergiz Yildiz, scheint niemand diese Gefahr zu erkennen und seine Opposition wirkt naiv und hilflos, denn seine Erkenntnis kommt zu spät: Der Handlungsspielraum ist unbemerkt, aber sichtbar immer enger geworden, das Gitter schließt sich um Bérenger - die Nashörner haben die Macht übernommen.

Nashörner 3In den zwei Aufführungen ihrer Inszenierung am Dienstag und am Donnerstag vor den Pfingstferien bekam die Theater-Gruppe zu spüren, dass sich ihr Ringen mit diesem anspruchsvollen Theatertext und mit der Frage nach der Widerstandskraft unserer Gesellschaft und jedes/jeder Einzelnen angesichts von gewaltbereiten und demokratiefeindlichen Massenbewegungen ausgezahlt hat. Denn die Lacher, die die absurde Situationskomik und der skurrile Humor der eigenwillig montierten Gespräche entfalten, wurden nach und nach weniger. Die sich steigernde Gewalt der Nashörner und der Schrecken, den sie verbreiten, erstreckten sich zunehmend auch auf den Zuschauerraum und Fassungslosigkeit machte sich breit angesichts der naiven Faszination für die Macht der Masse.

Trotz Schul- und Abiturstress, trotz „Corona-Proben“ mit Masken, Einschränkungen und Planungsunsicherheit haben sich die zehn Schauspielerinnen in den vergangenen neun Monaten diese erschreckend aktuelle Parabel auf beeindruckende Weise zu eigen gemacht. Mit großer Spielfreude und präzisem Timing, mit Energie und Tempo, mit Spaß an der schrillen Überzeichnung und Gespür für die feine Figurenpsychologie, mit klarer Sprache und bewegendem Gesang, mit eindringlichen Einzeldarstellungen und einer großartigen Ensembleleistung, mit einem starken Bühnenbild und einer überzeugenden Inszenierung haben sie dem Publikum einen reichen Theaterabend geschenkt. Dafür gab es langanhaltenden Applaus und stehende Ovationen.

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Weitere Informationen zum Stück, zum Autor und der Besetzung finden Sie im Programmheft.